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Daniel Ardüser

„Die grösste Herausforderung ist der Zeitdruck.“

Was das punkto Gesundheitsschutz und Sicherheit im Arbeitsalltag bedeutet, erzählt Daniel Ardüser, selbständiger Sicherheitsberater und langjähriger Experte für den Bereich Bau bei der SUVA. Dabei benennt er Herausforderungen und Chancen… 

 

GLOVE:

Als selbständiger Experte und Berater für Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz sind Sie hautnah mit vielschichtigen Herausforderungen in Unternehmen konfrontiert. Welches sind die Unterschiede zwischen Grossunternehmen, KMU und Ein-Mann-Betrieben?

Daniel Ardüser:

Bei Grossbetrieben sind die Mitarbeiter über die Linienvorgesetzten geführt. Die Arbeitssicherheitsaspekte werden daher oft nach dem Verständnis dieser Vorgesetzten umgesetzt. Die Arbeitssicherheits-Ausbildung aller im Betrieb beschäftigen Personen ist meist gut und die Umsetzung auf den Baustellen ist zufriedenstellend. Es wird jährlich geschult und periodische Sicherheitskontrollen auf den Arbeitsplätzen werden durchgeführt. Die Unfallzahlen bei diesen Betrieben widerspiegeln den Branchenschnitt oder liegen leicht tiefer.
Bei KMU hat der Chef den grössten Einfluss. Je konsequenter bei Baustellenbesuchen auch die Sicherheitsregeln beachtet werden, desto besser ist auch die Umsetzung und umso geringer sind die Unfallzahlen. Jedoch kann es im selben Masse auch in die andere Richtung gehen. Aufgrund des Preisdruckes wird die Arbeitssicherheit oft zu wenig priorisiert.
Bei Ein-Mann-Betrieben werden oft die Sicherheitsmassnahmen wenig berücksichtigt. Jedoch können sich diese Betriebe keine Aussfallzeiten leisten, da die Versicherungsleistungen, je nach Vertrag, erst ab dem 30. Tag bezahlt werden und dadurch der finanzielle Verlust zu gross ist.

Wie können Ihrer Meinung nach die SUVA Richtlinien von Seiten Unternehmensführung praktikabel und möglichst wirtschaftlich in die Praxis überführt werden?

Erfahrungsgemäss müssen alle Mitarbeiter Stufengerecht ausgebildet werden. Eine konsequente Umsetzung der Sicherheitsvorschriften muss von allen angestrebt werden. Am praktikabelsten sind Anleitungen der Mitarbeiter, wobei sie situationsgerecht instruiert werden. Bei der Arbeitssicherheit ist es wie bei allen Bauabläufen, eine gute AVOR führt zum Ziel. Es ist wichtig bei der Planung bereits die Arbeitssicherheitsmassnahmen zu berücksichtigen. Wenn agiert werden kann, sind die Massnahmen wirtschaftlich. Wenn reagiert werden muss, werden Sicherheitsmassnahmen oft zu wenig oder gar nicht umgesetzt.

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Sie haben langjährige Erfahrung in der Baubranche, in der praktischen Bauausführung wie auch als SUVA Experte. Mit welchen Herausforderungen hinsichtlich Sicherheit und Schutz sind die Angestellten auf den Baustellen konfrontiert?   

Die grösste Herausforderung ist der Zeitdruck. Auftraggeber planen aus wirtschaftlichen Gründen kurze Bauphasen, was sich auf die Qualität und auf die Arbeitssicherheit auswirkt. Den Unternehmern wird es dadurch schwierig gemacht eine gute und ausreichende AVOR zu betreiben. Selbst die Auftraggeber sind mit der Planung oft hinterher, was für die Auftragnehmer das ganze schwieriger macht. Der gesamte Druck mit der ungenügenden Planung und den zeitlich kurzen Abläufen wird zu einem grossen Teil auf die Angestellten abgewälzt.

Wie unterscheiden sich Anforderungen und Probleme zwischen den verschiedenen Branchen?

Als erster Unternehmer ist meist der Baumeister mit Tief- oder Hochbauarbeiten beschäftigt. Der Baumeister kann die Sicherheitsanforderungen, soweit der Betrieb entsprechende Arbeitsmittel und geschulte Personen einsetzt, gut umsetzen. Viele Gefahrensituationen, welche beim Arbeitsfortschritt entstehen, werden vorgängig erkannt und entsprechende Massnahmen werden rechtzeitig umgesetzt. Ist ein gutes Angebot mit detaillierter Ausschreibung seitens Auftraggeber gemacht, können die notwendigen Sicherheitsmassnahmen umgesetzt werden und sind auch vergütet. Sobald die Rohbauarbeiten abgeschlossen sind und die Dritthandwerker mit den Arbeiten beginnen, kommen neue Herausforderungen. Mit diesen Arbeiten entstehen neue Gefahren. Zum Beispiel werden bereits angebrachte Sicherheitsvorkehrungen entfernt und nicht wieder oder nicht richtig montiert und schaffen so neue Gefahrenquellen. Zu diesem Zeitpunkt ist der Polier des Baumeisters vielfach nicht mehr vor Ort und kann nicht eingreifen. Jetzt ist es wichtig, dass die Arbeitgeber der Dritthandwerker mit der Bauleitung zusammen die Sicherheit auf der Baustelle im Griff haben. Es braucht auch hier entsprechend ausgebildetes Personal und Kontrollen. Hier zeigt sich, dass die Interessen oft nicht dieselben sind. Es kommt erneut der Zeitdruck und mangelhafte Kommunikation zwischen den Beteiligten zur Geltung. Aus meiner Sicht sollten hier die verschiedenen Branchen besser zusammenarbeiten. Dies unter der Koordination der Bauleitung.

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Welche Rolle spielt dabei das Arbeitsmaterial?  

Die Arbeitsmaterialen, die eingesetzten Arbeitsmittel, spielen immer eine wichtige Rolle. Bei allen Arbeiten werden diverse Hilfsmittel zur Erstellung des Auftrages benötigt. Dies können Leitern, Handwerkzeuge, schwere Arbeitsmittel wie Bagger oder Bestandteile der persönlichen Schutzausrüstung sein. Dieses Material muss entsprechend dem Einsatzzweck ausgesucht, eingesetzt und richtig verwendet werden. Defektes oder ungenügend gewartetes Arbeitsmaterial sowie falsche Handhabung bergen Gefahren in sich. Bei der Ausführung von Arbeiten mit diesem Material können sich schwere Unfälle ereignen. Nehmen wir das Beispiel einer defekten Leiter mit fehlenden rutschsicheren Gummifüssen. Die Leiter wird auf einem Plattenbelag für das Reinigen einer Lampe an der Wand benötigt. Beim Besteigen der Leiter kann diese unten wegrutschen und der Mitarbeiter kann dadurch abstürzen und sich verletzen. Mit einer instand Gestellen und richtig angewendeten Leiter ist das Risiko eines Unfalls minimiert.shutterstock 1391578748 1024x683 - Daniel Ardüser - StichschutzhandschuheLaut Statistik der Unfallversicherung UVG wird zwischen 2014 und 2018 ein Anstieg von rund 37’000 registrierten Arbeitsunfällen verzeichnet. Wie ist dieser Anstieg, trotz gesellschaftlich erhöhtem Sicherheitsbewusstsein, zu erklären?

Ich erkenne hier verschiedenen Ursachen. Zum einen haben wir in der Schweiz eine Zunahme von Baustellen, also ein grösseres Auftragsvolumen. Um dieses Volumen zu Stämmen benötigt es genügend Fachpersonal, welches auch auf dem Bau fehlt. Eine weitere Ursache ist, dass viele Personen wegen Kleinigkeiten den Arzt aufsuchen. Viele kleine Verletzungen können selber gepflegt werden. Zum Beispiel kann eine kleine Schnittwunde richtig gereinigt und verbunden werden, was keinen grossen Arbeitsausfall und keinen Arztbesuch verursachen sollte. Auch ist gewisse Gleichgültigkeit bei vielen Arbeitnehmern erkennbar. Der Firma- oder Berufsstolz ist nicht mehr überall erkennbar. Es geht alles schnell, wobei vielfach die Qualität nachlässt und Mitarbeiter, Arbeitgeber sowie Auftraggeber nicht zufrieden sind. Bei Risiken haben viele Mitarbeiter auch nicht den Mut STOP zu sagen und die Arbeiten zu unterbrechen, die Situation zu verbessern und erst danach weiter zu arbeiten. Dies Aufgrund der Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren oder vor den Arbeitskollegen als Angsthase da zu stehen.

Was gehen Sie persönlich in Ihrem Arbeitsalltag und in der Freizeit mit Sicherheit und Gesundheitsschutz um?

Als Sicherheitsfachmann gibt es wenige Kompromisse. Die Leitplanken aus der Gesetzgebung sind klar und lassen wenig Spielraum. Also ist die Toleranz für Risiken tief. Ich sehe mich auch als Vorbild und versuche im Arbeits- und Privatalltag auch so vorzugehen. Bei der Arbeit fällt mir das leichter, da ich aus meiner Erfahrung etliche Situationen kenne und mich richtig Verhalten kann. In der Freizeit liebe ich immer noch den Nervenkitzel, sei es auf den Skiern, beim Biken oder Bergwandern. Ich versuche die Risiken richtig einzuschätzen und mich entsprechend zu verhalten, auch hier als Vorbild. Meine zwei Jungs sollen auch durch mein Verhalten lernen wo Grenzen sind, aber auch den Mut haben diese Grenzen für sich auszuloten.
Das wichtigste Ziel ist, sich und andere durch das persönliche Verhalten nicht zu schädigen. Das eigene Leid oder das Mitverschulden zum Leid eines Dritten bleibt hängen. Sei es am eigenen Körper oder im Geist.


Daniel Ardueser 233x300 - Daniel Ardüser - Stichschutzhandschuhe

Daniel Ardüser war nach seiner Maurerlehre und anschliessender Baupolier- und Bauführerschule als Sicherheitsexperte bei der SUVA tätig und hat sich parallel dazu zum Erwachsenenbildner und Sicherheitsingenieur ausbilden lassen. Er arbeitet seit vielen Jahren als selbständiger Experte für Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz, macht Schulungen für Unternehmen, Sicherheitsaudits, Analysen und Beratungen für Sicherheitssystem und Bauprojekte und ist als Referent in Unternehmen und Bildungsinstitutionen engagiert.

Kontakt & Informationen:

Daniel Ardüser
Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz
Voia Tgaplotta Dameaz 11
CH-7492 Alvaneu

Tel. 079 407 52 60
E-Mail: daniel@ardueser.ch

www.ardueser.ch